Dekubitusprophylaxe gehört zu den wichtigsten Aufgaben in der professionellen Pflege, weil ein Druckgeschwür nicht nur schmerzhaft, sondern auch lebensbedrohlich werden kann. Dieser Artikel erklärt kompakt, aber praxisnah, was Dekubitusprophylaxe bedeutet, welche Risikofaktoren eine Rolle spielen und welche Maßnahmen wirklich wirksam sind.
Was ist Dekubitusprophylaxe?
Dekubitusprophylaxe umfasst alle geplanten Maßnahmen, die ein Wundliegen (Dekubitus) verhindern sollen, bevor es entsteht. Im Mittelpunkt stehen die frühzeitige Einschätzung des Risikos, die Entlastung gefährdeter Hautstellen und die Förderung der Beweglichkeit.
Dabei wird die Prophylaxe immer individuell auf den Menschen abgestimmt: Mobilität, Hautzustand, Ernährung, Begleiterkrankungen und persönliche Vorlieben fließen in die Planung ein. Ziel ist es, Druck und Scherkräfte zu reduzieren und die Durchblutung von Haut und Gewebe zu sichern.
Risikofaktoren und gefährdete Personengruppen
Dekubitus entsteht dort, wo längere Zeit starker Druck auf Knochenvorsprüngen lastet und die Durchblutung der Haut gestört ist. Besonders gefährdet sind Menschen, die sich nur eingeschränkt bewegen können, etwa nach Operationen, bei Lähmungen, starker Schwäche oder in der intensiven Langzeitpflege.
Wichtige Risikofaktoren:
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Immobilität oder eingeschränkte Eigenbewegung
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Untergewicht, Mangelernährung oder starkes Übergewicht
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feuchte Haut (z. B. durch Schwitzen oder Inkontinenz)
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höheres Lebensalter, dünne oder vorgeschädigte Haut
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Bewusstseinsstörungen, Schmerzen oder kognitive Einschränkungen, die Eigenbewegung und Wahrnehmung von Druck vermindern
Je mehr Risikofaktoren zusammentreffen, desto konsequenter müssen vorbeugende Maßnahmen geplant, dokumentiert und regelmäßig überprüft werden.
Ziele der Dekubitusprophylaxe
Dekubitusprophylaxe verfolgt mehr als nur das „Verhindern von Wunden“. Sie trägt aktiv zur Erhaltung von Lebensqualität und Selbstständigkeit bei.
Zentrale Ziele:
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Entstehung eines Dekubitus vermeiden bzw. frühzeitig erste Anzeichen erkennen
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Schmerzen, Infektionen, lange Heilungsphasen und Krankenhausaufenthalte verhindern
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Mobilität und Eigenaktivität erhalten oder verbessern
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Hautgesundheit stabilisieren und das Wohlbefinden steigern
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Entlastung von Angehörigen und Pflegepersonal: Durch klare Strukturen werden Pflegefehler reduziert und Verantwortlichkeiten transparent.
Wichtige Maßnahmen der Dekubitusprophylaxe
Eine wirksame Dekubitusprophylaxe verbindet mehrere Bausteine. Entscheidend ist, dass sie regelmäßig, konsequent und an die individuelle Situation angepasst umgesetzt wird.
1. Lagerung und Positionswechsel
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Regelmäßige Positionswechsel im Bett und im Sitzen mit individuell festgelegten Intervallen
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Verwendung geeigneter Lagerungstechniken (z. B. 30°-Seitenlagerung, Wechsellagerung, Freilagerung von Fersen)
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Entlastung von Knochenvorsprüngen durch Kissen, Lagerungsrollen und andere Hilfsmittel
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Vermeidung von Scherkräften, etwa durch korrektes Hochziehen im Bett und rutschhemmende Unterlagen
2. Bewegungsförderung und Mobilisation
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Aktivierung vorhandener Ressourcen: Betroffene zu Eigenbewegungen motivieren und anleiten
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Unterstützung beim Aufsetzen, Aufstehen, Gehen oder Trainieren im Bett/Stuhl
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Einsatz von Geh- und Stehhilfen, um die Durchblutung zu fördern und Druckspitzen zu verringern
3. Hautbeobachtung und Hautpflege
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Tägliche Kontrolle gefährdeter Stellen (Fersen, Kreuzbein, Hüften, Knöchel, Ellenbogen, Hinterkopf etc.)
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Früherkennung von Rötungen, Verhärtungen, Überwärmung oder Schmerzen
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Milde, pH-hautneutrale Reinigung, sorgfältiges Trocknen und bedarfsgerechte Pflegeprodukte
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Vermeidung von Staunässe durch rechtzeitigen Wechsel von Inkontinenzmaterialien und atmungsaktive Kleidung
4. Ernährung und Flüssigkeitszufuhr
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Sicherstellung einer ausgewogenen, energie- und eiweißreichen Ernährung
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Beobachtung von Gewichtsverlauf und Ernährungsstatus, ggf. Einbindung von Ernährungsberatung
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Ausreichende Flüssigkeitszufuhr, um Hautelastizität und Durchblutung zu unterstützen
5. Hilfsmittel nach Expertenstandard
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Nutzung von druckentlastenden Matratzen, Sitzkissen und Lagerungssystemen nach fachlicher Einschätzung
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Individuelle Anpassung der Hilfsmittel an Körpergewicht, Mobilität und Pflegeumgebung
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Regelmäßige Überprüfung, ob die Hilfsmittel weiterhin geeignet und richtig eingestellt sind
Expertenstandard und Rolle der Pflege
Der nationale Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ definiert, welche Qualität professionell sichergestellt werden muss. Kernforderung: Jede gefährdete Person soll eine wirksame, individuell geplante Prophylaxe erhalten – unabhängig von Einrichtung oder Kostenträger.
Professionelle Pflegekräfte übernehmen dabei mehrere Schlüsselaufgaben:
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systematische Einschätzung des Dekubitusrisikos (z. B. anhand standardisierter Skalen)
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Planung, Durchführung und Evaluation der vorbeugenden Maßnahmen
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Anleitung und Schulung von Angehörigen sowie Einbindung der Betroffenen in alle Entscheidungen
So wird Dekubitusprophylaxe zu einem strukturierten, überprüfbaren Prozess – nicht zu einer Aneinanderreihung zufälliger Einzelmaßnahmen.